Fachtagung "Methoden zur Erforschung der Kultur der regionalen Mehrsprachigkeit"

Internationale wissenschaftliche Fachtagung

Methoden zur Erforschung der Kultur der regionalen Mehrsprachigkeit

I Beschreibung des Ziels der Fachtagung

Vom 20.-23.09.2018 wird eine internationale Fachtagung unter dem Titel „Methoden zur Erforschung der Kultur der regionalen Mehrsprachigkeit“ an der CAU stattfinden, welche zum Ziel hat, geeignete Methoden zur Erforschung und Bewertung sprachkultureller Aktivitäten und Rahmenbedingungen der Sprachkultur im regionalen Kontext zu diskutieren. Teil der Fachtagung soll ein Workshop sein, in dem für das geplante übergreifende Forschungsprojekt zur vergleichenden Bewertung der Kulturen der regionalen Mehrsprachigkeit ein passender Methodenkatalog herausgearbeitet werden soll.

Die regionale Mehrsprachigkeit ist für viele Gebiete in der Romania kennzeichnend, z.B. für die Bretagne (mit den autochthonen Sprachen Bretonisch und Gallo neben dem Französischen), für das Baskenland (mit Baskisch neben dem Spanischen und Französischen als historische Dachsprachen), aber auch für das südliche Brasilien (mit mehreren europäischen Sprachen und Sprachvarietäten als historische Immigrationssprachen neben dem Portugiesischen). Sie betrifft auch die Region Schleswig-Holstein als eminent mehrsprachiges Gebiet mit einer aktiven Sprachpolitik zur Förderung des Niederdeutschen, Friesischen und Dänischen, die von mehreren Mitgliedern des Kieler interdisziplinären Forschungszentrums „Arealität und Sozialität in der Sprache“ untersucht wird.

Gegenstand der geplanten Fachtagung (und des Forschungsprojekts insgesamt) sind die kulturellen Aktivitäten zum Erhalt und zur Förderung der Mehrsprachigkeit in Regionen mit mehr als einer regional verankerten Sprache. In den letzten Jahrzehnten ist die Bedeutung der Regionalsprachen für die Menschen in solchen Regionen erheblich gestiegen, was einer weltweit zu beobachtenden Entwicklung entspricht (s. Anderwald/Hoekstra 2017) und zu einer stärkeren öffentlichen Förderung der Mehrsprachigkeit geführt hat. Neben regionalspezifischen Beschreibungen sprachkultureller Entwicklungen soll auf der Fachtagung eine Methodologie diskutiert werden, die es erlaubt, den Stand und die Entwicklung der Sprachkultur regionaler Mehrsprachigkeit zu bewerten und zu vergleichen.

Die Sprachkultur als Referenzrahmen des Forschungsprojekts ist dabei als kulturwissenschaftliche Kategorie zu verstehen, welche sämtliche Aspekte der Gestaltung der sprachlichen Umwelt umfasst, v.a. auch die Haltung der Sprecher und ihre Aktivitäten. Ein vergleichender sprachkultureller Ansatz ist bislang wenig und noch nicht systematisch behandelt worden, da Beschreibungen der Regionalkultur stets regionalspezifisch erfolgen und insofern eine übergreifende vergleichende Perspektive meist nur auf abstrakter Ebene möglich scheint. Die Sprachkultur, die Lebsanft (1997) als neues Forschungsfeld der romanistischen Linguistik eröffnete, richtet sich ganz auf die nationale, ausgebaute Normsprache und deren Bewertung durch Sprecher und Institutionen. Ähnlich auch Klare (2009), der zwar eine vergleichende Perspektive einbringt, jedoch den Fokus auf die Entwicklung der Nationalsprachen legt.

In vergleichender Perspektive gibt es zum Feld der Mehrsprachigkeitsforschung bislang viele Arbeiten, z.B. zur vergleichenden Untersuchung von Sprachkontaktphänomenen (z.B. Bakker/Matras 2013; Muysken 2013), zur Bilinguismus-Forschung (Bhatia/Ritchie 2014), zur Spracherwerbsforschung (Bickes/Pauli 2009) oder zu theoretischen Grundlagen der Mehrsprachigkeit (Stavans/Hoffmann 2015), aber diese sind nicht direkt bezogen auf das Verhältnis von Regional- zu Nationalsprachen. Bislang liegen zu den jeweiligen regionalen Sprachsituationen äußerst zahlreiche Einzelbeschreibungen vor und selbst übergreifende Darstellungen zur Sprachkultur bestehen hauptsächlich aus spezifischen Beschreibungen (z.B. in Schiffman 1996 in historisch-vergleichender Perspektive). Das Verhältnis zwischen Regional- und Nationalsprache wird im Handbuch zur ECRM (Lebsanft/Wingender 2012) behandelt, jedoch überwiegend aus sprachpolitischer Sicht und nicht auf sprachkulturelle Aktivitäten der Sprecher bezogen. Auf abstrakter Ebene hat Tacke (2015) Sprachgebietskonzepte in der Sprachplanung, d.h. das Verhältnis zwischen Sprache und Raum, analysiert, womit er aber auch Kategorien zur Erforschung der Sprachkultur eröffnet (z.B. diskursive Sprachgebietskonstruktionen). Einen ersten Überblick gibt das Handbuch Janich/Greule (2002).

Zusammenfassend soll also mit dem Forschungsprojekt die Ausweitung der Erforschung der Sprachkultur im skizzierten weiten Sinne und die gleichzeitige Zentrierung auf mehrsprachige Regionen vorangetrieben werden. Ein Fernziel besteht darin, aus den Ergebnissen der Einzelstudien eine theoretische Fundierung regionaler Sprachkultur zu erreichen.

Die für September geplante Fachtagung dient daher der Vorbereitung des größeren Forschungsprojekts (für das bei der DFG ein Projektantrag gestellt werden soll) zur Untersuchung der Sprachkultur und der sprachpolitischen Rahmenbedingungen in mehrsprachigen Gebieten. Der Workshop soll zudem zur Vernetzung und Auslotung von Forschungspartnern für das geplante Forschungsprojekt führen sowie der Abstimmung und Vertiefung von Forschungsmethoden zum angegebenen Thema dienen.

Das Ziel ist die enge Zusammenarbeit im Bereich der Erforschung der Sprachkultur und Sprachpolitik. Mit vielen Teilnehmer_innen besteht bereits ein intensiver Austausch zu diesem Thema, v.a. durch Gastvorträge der letzten Jahre zu einzelnen Aspekten (Altenhofen, Bagno, Del Valle, Hornsby, Lebsanft, Monteagudo, Ramallo, Manterola), durch Kontakte auf Studienreisen (Gilvan Müller, Morello, Blanchard) oder durch Arbeitskontakte an der CAU oder auf Tagungen (Eckkrammer, Patzelt, Sinner, Völker)

Geplant ist eine Tagung von drei Tagen Dauer. Im Workshop sollen nach Impulsreferaten zu drei Themenbereichen, für die jeweils die Fachexpertise eingebracht wird, in jeweils zwei Blöcken Methoden diskutiert, erarbeitet und für die konkrete Anwendbarkeit dieser Themen überprüft werden.

Die Workshop-Arbeit behandelt folgende Themen:

  1. Soziolinguistische Erhebung des Sprachgebrauchs in der jeweiligen Region
  2. Juristische Einordnung (Ko-Offizialisierung, rechtlicher Status der Sprachen)
  3. Sprachkulturelle und –pflegende Aktivitäten: institutionell und privat-öffentlich

 

Zur Sprachkultur der Regionalsprachen stellen sich u.a. folgende Fragen:

  1. Welchen Stellenwert geben die Sprecher_innen den jeweiligen Sprachen? Wie stark gehört die Sprache oder der Sprachgebrauch zur regionalen Identität?
  2. Wie stark ist die Regionalsprache in der Öffentlichkeit, z.B. in den Medien präsent?
  3. Welche Maßnahmen zur Förderung der Regionalsprache bzw. zur regionalen Zweisprachigkeit werden getroffen?
  4. Wie stark ist die Unterstützung durch Politik und öffentliche Verwaltung?
  5. Welchen Platz nimmt der Unterricht zur Regionalsprache im öffentlichen Bildungswesen bzw. in privaten Bildungseinrichtungen ein?
  6. Wie ist das Verhältnis von privaten Sprachbemühungen zu offiziellen sprachplanerischen Maßnahmen?
  7. Welche Erfolge in der Sprachkompetenz und -verwendung lassen sich erkennen? Welche plurikulturellen Zusammenhänge bestehen zur veränderten Sprachkultur?

 

Angeregt durch Impulsreferate soll diskutiert werden, welche Methoden wo und wie zur Erforschung dieser und weiterer Fragen eingesetzt werden können und wie diese sich für einen Vergleich über mehrere Regionen hinweg eignen.

 

Zur Diskussion stehen verschiedene Methoden, die eine systematische Erforschung der Sprachkultur erlauben:

  1. die Erforschung der Haltung (attitude) zur Sprache
  2. die Analyse von Metadiskursen/Narrativen über die Sprache (ethnolog. Ansatz)
  3. die Diskurstraditionen in Texten der Regionalsprachen
  4. Beobachtungen und Interviews zur realen Sprachverwendung
  5. die Auswertung der Sprache/-verwendung im öffentlichen Raum (linguistic landscape)
  6. die Bestimmung der enregisterment-Prozesse
  7. die Auswertung der sprachpolitischen Rahmenbedingungen und Maßnahmen
  8. die Dokumentation sprachkultureller Aktivitäten.

 

Die Tagung wird im Internationalen Gästehaus der CAU stattfinden. Im Rahmen der Fachtagung soll ein zusätzlicher Vor-Ort-Termin zum Besuch von Institutionen der Sprachpolitik und Sprachkultur organisiert werden.

 
Bibliographie zu Studien zur (regionalen) Mehrsprachigkeit

Anderwald, Lieselotte/Hoekstra, Jarich (Hg.) (2017): Enregisterment. Zur sozialen Bedeutung sprachlicher Variation, Frankfurt a. M.: Lang.

Appel, René/Muysken, Pieter (2005): Language, contact and bilingualism, Amsterdam: Amsterdam Univ. Press.

Bakker, Peter/Matras, Yaron (Hg.)(2013): Contact Languages: a Comprehensive Guide, Berlin: De Gruyter.

Beacco, Jean-Claude (2016): École et politiques linguistiques. Pour une gestion de la diversité linguistique, Paris: Didier.

Bhatia, Tej K./Ritchie, William C. (Hg.)(22014): The Handbook of Bilingualism and Multilingualism, Malden, Mass.: Wiley Blackwell.

Bickes, Hans/Pauli, Ute (2009): Erst- und Zweitspracherwerb, Paderborn: Fink.

Blackwood, Robert/Tufi, Stefania (2015): The linguistic landscape oft he Mediterranean: French and Italian coastal cities, Houndsmill, Basingstoke: Palgrave Macmillan.

Broudic, Fañch (2017): „Bretagne“, in: Reutner, Ursula (Hg.): Manuel des francophonies, Berlin/Boston: de Gruyter, 149-149-168.

Conseil de l’Europe (2010): Guide pour le développement et la mise en œuvre de curriculums pour une éducation plurilingue et interculturelle, Strasbourg: Conseil de l’Europe.

Halaoui, Nazam (2011): Politique linguistique. Faits et théorie, Paris: Écriture.

Holden, Nigel/Michailova, Sejina/Tietze, Susanne (Hg.)(2015): The Routledge Companion to cross-cultural management, London u.a.: Routledge, Taylor & Francis Group.

Janich, Nina/Greule, Albrecht (Hg.)(2002): Sprachkulturen in Europa: ein internationales Handbuch, Tübingen: Narr

Klare, Johannes (2009): „Sprachkultur und Sprach(en)politik in der Romania (Frankreich, Spanien, Italien)“, in: Blanke, Detlev/Scharnhorst, Jürgen (Hg.): Sprachpolitik und Sprachkultur, 2. Aufl., Frankfurt a.M.: Lang, 47-120.

Krumm, Hans-Jürgen/Reich, Hans (Hg.)(2013): Sprachbildung und Mehrsprachigkeit: Ein Curriculum zur Wahrnehmung und Bewältigung sprachlicher Vielfalt im Unterricht, Münster: Waxmann.

Lane-Mercier, Gillian/Merkle, Denise/Koustas, Jane (2016): Plurilinguisme et pluriculturalisme: des modèles officiels dans le monde, Montréal: Presses de l'Université de Montréal.

Lebsanft, Franz (1997): Spanische Sprachkultur. Studien zur Bewertung und Pflege des öffentlichen Sprachgebrauchs im heutigen Spanien, Tübingen: Niemeyer.

Lebsanft, Franz/Wingender, Monika (Hg.)(2012): Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Ein Handbuch zur Sprachpolitik des Europarats, Berlin: De Gruyter.

Leitzke-Ungerer, Eva/Pagni, Andrea (Hg.) (2002): Europäische Regionalkulturen im Vergleich, Frankfurt a.M.: Lang.

Marten, Heiko F. (2016): Sprach(en)politik. Eine Einführung, Tübingen: Narr Francke Attempto.

Muysken, Pieter (2013): „Language contact outcomes as the result of bilingual optimization strategies“, in: Bilingualism. Language and Cognition 16(4), 709-730.

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Pfannhauser, Werner (Hg.)(2010): Symposium "Sprachpolitik und Sprachkultur in Europa". Graz 23. - 24. April 2010 [Akten], Paderborn: IFB-Verlag Dt. Sprache.

Schiffman, Harold (1996): Linguistic Culture and Language Policy, London/New York: Routledge.

Spolsky, Bernard (2009): Language management, Cambridge: CUP.

Sṭavans, Anat/Hoffmann, Charlotte (2015): Multilingualism, Cambridge: CUP.

Tacke, Felix (2015): Sprache und Raum in der Romania. Fallstudien zu Belgien, Frankreich, der Schweiz und Spanien, Berlin: De Gruyter.

Witt, Jörg (2010): Wohin steuern die Sprachen Europas? Probleme der EU-Sprachpolitik, Tübingen: Stauffenburg.

Zimmermann, Klaus (Hg.)(2014): Prácticas y políticas lingüísticas. Nuevas variedades, normas y perspectivas, Madrid/Frankfurt a.M.: Iberoamericana/Vervuert. [Nuevos hispanismos 18]